HSBA Research: „Wir wissen noch nicht, wie grün Schiffe wirklich sind"

Ein Gespräch mit HSBA-Doktorandin Neele Brauner über Ökobilanzen in der Schifffahrt

Wie grün ist die Schifffahrt wirklich? Diese Frage wird für Reedereien, Häfen und maritime Unternehmen immer wichtiger. Denn die Branche steht unter wachsendem Druck, Emissionen zu senken und auf sauberere Kraftstoffe, Technologien und Betriebsweisen umzustellen.

Eine wichtige Grundlage dafür sind sogenannte Ökobilanzen, auch Life Cycle Assessments (LCA). Sie betrachten nicht nur Kraftstoffverbrauch und Emissionen im Betrieb, sondern den gesamten Lebenszyklus: von der Herstellung des Kraftstoffs über Bau, Nutzung und Infrastruktur bis hin zur Entsorgung oder zum Recycling eines Schiffes.

HSBA-Doktorandin Neele Brauner forscht zu nachhaltgier Schifffahrt. In einer aktuellen Studie untersucht sie gemeinsam mit Kollegen, wie belastbar solche Umweltbewertungen in der maritimen Industrie tatsächlich sind – und was das für Unternehmen bedeutet.

Frau Brauner, worum geht es in Ihrer Forschung – und was ist eine Lebenszyklusanalyse überhaupt?

Stellen Sie sich vor, Sie wollen rausfinden, ob ein Schiff, das mit Ammoniak fährt, wirklich klimafreundlicher ist als eines mit herkömmlichem Schweröl. Dann reicht es nicht, nur den Auspuff zu messen. Man muss den gesamten Weg betrachten: Wie wird der Kraftstoff produziert? Wie viel Energie steckt in der Fertigung des Motors? Was passiert am Ende mit dem Schiff auf dem Abwrackplatz? Genau das macht eine Lebenszyklusanalyse – sie schaut vom ersten Rohstoff bis zur letzten Schraube.

Wir haben 70 wissenschaftliche Studien ausgewertet, die genau das für die Schifffahrt versucht haben. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur knapp die Hälfte dieser Studien erfüllt die internationalen Qualitätsstandards ordentlich. Viele schauen nur auf einen kleinen Ausschnitt – meistens den Kraftstoffverbrauch im Betrieb – und blenden den Rest einfach aus. Das kann zu komplett falschen Schlüssen führen.

Warum sollte das Hamburger Unternehmen interessieren?

Hamburg ist einer der wichtigsten Schifffahrtsstandorte der Welt. Reedereien, Schiffsmakler, Werften, Zulieferer – die maritime Wirtschaft ist hier tief verwurzelt. Und alle stehen gerade vor denselben Fragen: In welchen Kraftstoff investieren wir? LNG? Methanol? Wasserstoff? Ammoniak?

Diese Entscheidungen kosten Hunderte Millionen Euro und binden Unternehmen für Jahrzehnte. Gleichzeitig sind die regulatorischen Anforderungen massiv gestiegen: Seit 2024 gilt das EU-Emissionshandelssystem für die Schifffahrt – wer mehr ausstößt, zahlt mehr. Ab 2026 wird das noch schärfer. Die IMO will die CO₂-Intensität des globalen Schiffsverkehrs bis 2030 um 40 Prozent senken.

Wer jetzt auf eine Technologie setzt, die in einer Studie gut aussah, aber auf einer methodisch schwachen Analyse basiert, riskiert eine teure Fehlinvestition. Unsere Forschung zeigt: Viele der verfügbaren Studien sind nicht belastbar genug, um darauf wichtige Entscheidungen zu stützen. Das müssen Unternehmen wissen.


Was ist Ihr Rat an Unternehmen – was sollten sie konkret anders machen?

Erstens: Hinterfragt einfache Klimaversprechen kritisch. Wenn ein Anbieter sagt, sein Kraftstoff sei „grün", fragt nach der vollständigen Lebenszyklusanalyse – von der Produktion bis zur Verbrennung. Und achtet darauf, ob der Strom für die Herstellung von Grünem Wasserstoff oder Ammoniak wirklich aus erneuerbaren Quellen kommt. Das macht einen riesigen Unterschied.

Zweitens: Bringt Umweltbewertungen früh in die Planung. Viele Entscheidungen über Emissionen fallen schon beim Schiffsentwurf – Materialien, Antrieb, Bauweise. Wer dort anfängt zu rechnen, hat viel mehr Spielraum als wer erst nachträglich optimiert.

Drittens: Kombiniert Umwelt- und Wirtschaftlichkeitsanalyse. Ein grünes Schiff, das sich nicht rechnet, wird nicht gebaut. Und ein billiges Schiff, das hohe CO₂-Kosten verursacht, wird teuer. Beides gehört zusammen – und die Wissenschaft muss hier besser werden, damit Unternehmen bessere Entscheidungsgrundlagen bekommen.

 

„Structured review of maritime life cycle assessment: Applications, methods, and challenges" von Orestis Schinas, Neele Brauner und Max Johns ist erschienen in: Sustainable Futures, 11 (2026), DOI: 10.1016/j.sftr.2026.101936

https://doi.org/10.1016/j.sftr.2026.101936