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Roland Magunia

Interview: Prof. Dr. Henning Vöpel über die Auswirkungen der Corona-Krise

Wie stark wird die Corona-Krise Hamburg treffen? Und welche Chancen ergeben sich daraus für Hochschulen und Digitalisierung? Das haben wir unseren HSBA-Professor und Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Prof. Dr. Henning Vöpel, gefragt.

Wie stark wird die Corona-Krise Hamburg / die Hamburger Wirtschaft treffen? 

Das hängt sehr stark von der Dauer von Shutdown und Lockdown ab. Im Moment wäre der Schaden noch begrenzt. Die meisten Unternehmen können vielleicht zwei oder drei Monate durchhalten, darüber hinaus wird es sehr schwierig. Dann werden auch keine Bürgschaften und Kredite mehr helfen. Es ist davon auszugehen, dass auf den Angebotsschock zunehmend ein Nachfrageschock folgt, Absatzmärkte sowie Liefer- und Produktionsketten weltweit wohl noch deutlich bis in die zweite Jahreshälfte gestört bleiben werden. Es wird daher kein V-förmigen Konjunkturverlauf geben, also eine kurze Rezession mit schneller Erholung, sondern eher ein langes U, womöglich sogar ein L, also eine strukturelle Abschwächung des Wachstums. Hamburg selbst dürfte im Vergleich zu Deutschland insgesamt überproportional betroffen sein, weil hier der Dienstleistungssektor und der Außenhandel eine große Bedeutung haben. Vermutlich kostet die Krise Hamburg nach derzeitigem Stand rund zehn Milliarden Euro, jede Woche kommen rund zwei bis drei Milliarden hinzu.  

Kann die neue Allgemeinverfügung daran etwas ändern/verbessern? 

Ja, die Lockerung ermöglicht ein schrittweises Hochfahren der Wirtschaft. Das geht jedoch nur in dem Maße, wie dadurch die Kontrolle über die Pandemie nicht wieder verloren geht. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, mehr darüber zu wissen, wie und wo sich die Pandemie schneller und wo langsamer ausbreitet, und natürlich flankierende Maßnahmen wie das Tragen von Masken zu erlassen. Die Orientierung an der Reproduktionsrate R<1 ist daher nur bedingt sinnvoll, denn es handelt sich um einen Durchschnittswert. Man muss wissen, wo R noch deutlich größer als Eins ist und wo deutlich geringer, wo also das Eis, auf dem wir uns bewegen, noch sehr dünn und wo schon etwas dicker ist. Daran hängt am Ende jedes Exit-Szenario. Dafür müsste man jedoch vor allem mehr testen.   

Was sollte die Politik darüber hinaus noch tun, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln?

Der Kapitalstock wird nach der Krise im Wesentlichen unverändert sein, prinzipiell könnten wir also sehr schnell wieder in gleicher Höhe wie vorher produzieren. Aber die Situation der Unternehmen ist natürlich mittlerweile eine andere; viele bewegen sich am Rande ihrer Existenz. Insoweit braucht es nach der Krise zwar kein Wiederaufbauprogramm, aber schon eine Art Wiederbelebung. Darüber hinaus ist die Krise eine Chance, neu darüber nachzudenken, wie wir Gesellschaft und Wirtschaft in Zukunft organisieren wollen. Es wird als Reaktion auf die Krise sicherlich zu Anpassungen im Konsumverhalten, bei den globalen Wertschöpfungsketten und in Risikoeinstellungen kommen. Dadurch wird es – wie wir in der Ökonomie sagen – zu realen Reallokationsentscheidungen kommen, die unsere Wirtschaft auch strukturell verändern werden. Vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Klimawandel ist die Phase nach der Krise eine Chance zur Modernisierung. Deshalb sollte der Fokus nicht auf dem kurzfristigen Konservieren von Strukturen, sondern auf Innovation und Strukturwandel liegen.      

Welche Auswirkungen wird die Krise auf die Hochschullandschaft haben? 

Zweigeteilte Auswirkungen. Kurzfristig wird die Krise einige Hochschulen womöglich stark treffen, die staatlichen sind in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Private sind aber in der Hochschullandschaft zunehmend wichtig. Deshalb wäre es wichtig, auch die privaten unter einen Schutzschirm zu stellen. Darüber hinaus werden Bildung, Wissenschaft und Forschung immer wichtiger für Wirtschaft und Gesellschaft, denn die Corona-Krise zeigt ja gerade, wie verwundbar wir sind, und wie sehr Wissen unser Verstehen, Handeln und Gestalten prägt. Hochschulen werden also eine sehr wesentliche Rolle in der Gestaltung der Zukunft spielen, gerade private Hochschulen haben dabei eine wichtige Funktion beim Transfer in die Wirtschaft.  

Werden wir hier langfristige Veränderungen erreichen, die Studierende besser auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten?

Ja, das ist unbedingt zu hoffen. Der Corona-Schock hat das Potenzial, das kollektive Bewusstsein zu verändern, im besten Fall die Haltung gegenüber Wandel positiv zu beeinflussen, denn wir alle müssen uns plötzlich mit dem Gedanken tragen, vom Status quo loslassen zu müssen, neue Lösungen zu entwickeln, agil und kreativ zu sein. Wir wissen ja schon länger, gerade in der HSBA, dass diese Fähigkeiten in Zukunft sehr wichtig in der Arbeitswelt sein werden, denn die Innovationszyklen verkürzen sich und Unternehmen müssen sich im Grunde permanent wandeln: Agilität ersetzt den Prozess, Kollaboration die Hierarchie.   

Gibt es so gesehen auch Chancen, die die Krise bietet? Wird sie uns in Sachen Digitalisierung einen bedeutenden Schritt weiter voranbringen oder werden wir nach der Krise eher wieder zu analogen Prozessen zurückkehren? 

Die Krise wirkt gerade wie ein Katalysator für den ohnehin anstehenden, aber vielerorts aufgeschobenen Strukturwandel. Nach der Krise werden plötzlich jene viel besser dastehen, die den Strukturwandel schon eingeleitet hatten, gerade in der Digitalisierung. Die Erfahrung vieler Unternehmen in der Krise ist, dass Digitalisierung nicht weh tut, sondern konkret helfen kann, etwa in Arbeitsprozessen oder im Vertrieb. Diese Erfahrung ist sehr wichtig. Es wird aber darauf ankommen, dass wir nicht wieder kollektiv in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Ich habe mir persönlich vorgenommen, in Zukunft viel häufiger auf remote Arbeitsprozesse zu bestehen. Das Analoge wird dadurch ja nicht weniger wichtig, sondern durch die gewonnene Zeit im Gegenteil wertvoller und produktiver.